3 Sudetendeutsche


Sudetendeutsche

Su|de|ten|deut|sche <vgl. 1Deutsche:
aus dem Sudetenland stammende ethnische Deutsche.

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Sudetendeutsche,
 
von F. Jesser 1902 geprägter Name für die deutschsprachige Bevölkerung in Böhmen und Mähren (einschließlich Mährisch-Schlesiens, später auch »Sudetenschlesien« genannt) innerhalb Österreich-Ungarns; löste den im 19. Jahrhundert verwendeten Sammelbegriff der »Deutschen in Böhmen, Mähren und Schlesien« ab. Die Bezeichnung Sudetendeutsche bürgerte sich zunächst nur langsam und dann im Zusammenhang damit ein, dass die deutsche Volksgruppe durch den Vertrag von Saint-Germain-en-Laye (Pariser Vorortverträge) kollektiv Bürger der neu gebildeten Tschechoslowakischen Republik (ČSR) geworden war (1919: 3,3 Mio., 1935: rd. 3,1 Mio.). Da der Begriff nun für eine »nationale Minderheit« stand, erhielt er zunehmend eine politische Bedeutung.
 
 
Die Besiedlung des seit den 1930er-Jahren allgemein »Sudetenland« genannten Gebietes war mit der deutschen Ostsiedlung im 12.-14. Jahrhundert erfolgt: die Baiern siedelten im Süden und Westen, die Obersachsen im Norden, die Schlesier im Osten. Der Anteil der Sudetendeutschen an der wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung des böhmisch-mährischen Raumes war bis ins 20. Jahrhundert bedeutend. Den Sudetendeutschen hatten die gemeinsame Zugehörigkeit zu Österreich (dort jeweils auch Deutschböhmen, Deutschmähren oder österreichische Schlesier genannt) und das enge Zusammenleben mit den Tschechen (im »Sudetenland« 1919: etwa 200 000, 1930: etwa 700 000, 1939: etwa 320 000) sowie der kulturelle Einfluss von Prag viel Gemeinsames aufgeprägt. Obwohl die Sudetendeutschen in den 1920er-Jahren mehrheitlich den neuen Staat tolerierten, gelang es der Prager Regierung nicht, sie zu integrieren, zumal sich die Sudetendeutschen in verschiedenen Bereichen benachteiligt fühlten: z. B. Sprachverordnung, Schulwesen, weniger Regierungs-Aufträge an die sudetendeutsche Industrie. Ein politikwirksames Gemeinschaftsgefühl entwickelten sie erst unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise in den 1930er-Jahren. Ab 1933 erhob die (spätere) Sudetendeutsche Partei den Anspruch, die Sudetendeutschen politisch zu vertreten. A. Hitler instrumentalisierte 1938 die Nationalitätenprobleme, um in der »Sudetenkrise« die Abtrennung des Gebietes von der ČSR zu erzwingen (Münchener Abkommen; 78 % davon der spätere Reichsgau Sudetenland). Unter Bruch des Völkerrechts wurden die Sudetendeutschen auf der Grundlage der Präsidentendekrete (Beneš-Dekrete) und des Potsdamer Abkommens zwischen Mai 1945 und November 1946 fast vollzählig und zum Teil brutal aus der ČSR vertrieben (u. a. Massaker von Aussig, 31. 7. 1945, »Brünner Todesmarsch«). Bezüglich der Vertreibungsopfer, für die Sudetendeutschen oft mit etwa 250 000 angegeben, werden in der neueren Forschung unterschiedliche, zumeist geringfügere und stark relativierte Angaben gemacht - Trotz der Vertreibung, offiziell »Transfer« oder »Abschub«, tschechisch »Odzun« genannt, waren die Sudetendeutschen grundsätzlich zur Versöhnung bereit (Charta der deutschen Heimatvertriebenen, 1950; Vertriebene). Der Deutsch-Tschechoslowakische Nachbarschaftsvertrag vom 27. 2. 1992 und die Deutsch-Tschechische Erklärung vom 21. 1. 1997 bringen für die Rückerstattungs- und Vermögensfrage keine eindeutige Klärung, da jede Regierung ihrer Rechtsordnung verpflichtet bleibt und respektiert, dass die andere Seite eine andere Rechtsauffassung hat. Auf der Grundlage des europäischen Rechtsdenkens fordert die Sudetendeutsche Landsmannschaft das Heimat- und Rückkehrrecht sowie die Rücknahme der »Beneš-Dekrete«. Auch in Österreich wird deren Rücknahme immer wieder als Voraussetzung für die Aufnahme der Tschechischen Republik in die EU gefordert, v. a. von der FPÖ, die damit zuletzt Anfang 2002 innenpolitische Diskussionen auslöste.
 
 
R. M. Smelser: Das Sudetenproblem u. das Dritte Reich 1933-1938 (a. d. Amerikan., 1980);
 E. Franzel: Sudetendeutsche Gesch. (Neuausg. 1996);
 F. Seibt: Dtl. u. die Tschechen. Gesch. einer Nachbarschaft in der Mitte Europas (Neuausg. 31997);
 G. Hrabě de Angelis: S. - Tschechen. Mark- u. Stolpersteine auf dem Weg zur Versöhnung (1998);
 D. Brandes: Der Weg zur Vertreibung 1938-1945. Pläne und Entscheidungen zum »Transfer« der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen (2001);
 
Heimat und Exil. Emigration und Rückwanderung, Vertreibung und Integration in der Geschichte der Tschechoslowakei, hg. v. P. Heumos (2001).

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Su|de|ten|deut|sche, der u. die: Ew. zu ↑Sudetenland.

Universal-Lexikon. 2012.

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